pusch ab!

Grandweg 32a”

 

von

 

  (pusch ab!, Soester Künstlerinnengruppe mit

Akiria, Bettina Briesenick-Becker,

Petra Pape, Rebekka Schulte, Sandra del Pilar)

 

09.03.2015

Konzeptueller Rahmen

Der Begriff der Migration ist in den zeitgenössischen öffentlichen und privaten Diskussionen zunehmend negativ konnotiert. Er ruft ein Gefühl von Belastung hervor, ist mit Leid oder Not verbunden und erscheint als „Problem“, für das eine Lösung gefunden werden muss.

Ganz im Gegensatz dazu steht die „Kultur-Migration“. Nicht nur blickt der migrierende, wandernde, reisende Künstler auf eine lange Tradition zurück; der Orts- und Perspektivenwechsel wird vom Künstler geradezu erwartet, ist ein wünschenswerter, vielleicht sogar notwendiger Bestandteil seiner Biografie; und die Spuren, die er an den Orten hinterlässt, an denen er sich aufgehalten hat, werden als Bereicherung empfunden.

Das Haus am Grandweg 32a in der Soester Innenstadt ist dafür ein Beispiel: Viele Jahre lang diente es dem venezianischen Künstler Paolo Martinuzzi als Atelier. An dessen Mauern hinterliess er vier Wandgemälde. Martinuzzi ist mittlerweile wieder nach Italien zurückgekehrt, doch der Ort bleibt. Nun soll er zum Ausstellungraum der Künstlerinnengruppe pusch ab! werden.

 

 

pusch ab!

 

Seit der Gründung von pusch Ab im Jahr 2013 stellen die 5 Künstlerinnen – Akiria, Bettina Briesenick-Becker, Petra Pape, Rebekka Schulte, Sandra del Pilar – einmal im Jahr in und um Soest aus. Zunächst 2013 in den Galerieräumen der Bem-Adam-Kaserne, dann 2014 im Atelierhaus Alte Schule in Hattrop. Für 2015 ist der Grandweg 32a  das Ziel. In allen drei Fällen handelt es sich um Orte mit einer ursprünglich sehr prägnanten und eigenständige Geschichte, der die kulturelle Nutzung im Laufe der Zeit eine neue Prägung verlieh. Das Haus am Grandweg 32 a war lange Zeit in jüdischer Hand, bevor der damalige Besitzer in den 30er Jahren faktisch enteignet wurde. In den 70er Jahren wurde es

zum Atelier umfunktioniert.

 

 

Arbeitsthema 1: Der Ort

 

Sandra del Pilar beschäftigt sich mit den Menschen, die im Grandweg 32 a gelebt oder gearbeitet haben: das jüdische Ehepaar, später der venezianische Bildhauer, nun (möglicherweise) die mexikanische Malerin mit ihren Kolleginnen. Die gleichzeitige Präsenz aller an diesem Ort kann allein in der Kunst erfolgen: Ihre gemalten Gestalten erscheinen schemenhaft auf mehrfach hintereinandergeschalteten, transparenten Stoffbahnen, die von der Decke hängen und sich im Luftzug leise bewegen.

 

Auf den Ort in seinem aktuellen Zustand, samt der Spuren früherer Bewohner, geht Rebekka Schulte ein. Sie beabsichtigt, ein grosses Wandbild anzufertigen (evt. auf abnehmbarem Papier), auf dem sie vor Ort körperlich, gestisch kommentierend auf das reagiert, was sie umgibt: die Räumlichkeiten, die hohen Fenster, die den Durchblick verweigern, das Geräusch vorbeifahrender Autos, die Atmosphäre, das vage Ahnen etc. Sie wird ihre Spuren hinterlassen, ihre Linien ziehen.

 

Bettina Briesenick-Becker wird sich mit Martinuzzis archaischer Formensprache und Materialwahl sowie seinen existenziellen Themen (Tod und Leben,  Gehen und Bleiben, Fremdsein und Heimat) auseinandersetzen. Geplant ist eine Rauminstallation, die erdverbundene Gegenstände wie Steine oder Holzblöcke über ein Schnur-/ Seilgemenge mit schwebenden fragilen, figürlich anmutenden Cottonage-Fragmenten verbinden soll.

 

Arbeitsthema 2:  Woher?

Nicht mit dem Ort als solchem, sondern mit dem Weg dahin, beschäftigt sich Petra Pape. Mit einem Augenzwinkern vollzieht sie ihren Weg aus dem tiefbewaldeten Sauerland ihrer Kindheit in den Soester Grandweg 32a symbolisch nach. Auf die Grabplatten ihrer Mutter und Grossmutter (deren Gräber vor Kurzem aufgelöst wurden), wird sie die Spuren ihrer „Migration“ ritzten oder zeichnen. Als Ergebnis ist eine Fotoserie ebenso vorstellbar wie eine Installation in den Ausstellungsräumen.

 

Von den pusch abs! stammt lediglich Rebekka Schulte aus Soest, wohin sie nach dem Studium und einem Studienjahr an der Hogeschool voor de Kunsten von Utrecht wieder zurückkehrte.

Akiria ist aus Münster, ihre Grosseltern stammen aus Frankreich. Bettina Briesenick-Becker kommt gebürtig aus Hessen, Petra Pape, wie oben bereits erwähnt, aus dem Sauerland und Sandra del Pilar aus Mexiko.

 

 

Arbeitsthema 3: Wohin?

 

Akiria richtet den Blick in die Zukunft und stellt die Frage danach, was von uns bleibt, wenn wir waren. In ihren Fotoarbeiten simuliert sie verwitterte Fresken, die uns pusch abs!  in Inszenierungen zeigen, die einer unwirklichen Vergangenheit anzugehören scheinen.

 

 

 

   

 

Kurzbeschreibung des Projektes:

 

In einer Ausstellung mit begleitenden Veranstaltungen (Vortrags- und Diskussionsabende) sowie einem Ausstellungskatalog verweist die Künstlerinnengruppe pusch ab! auf die interkulturelle Vielfalt Soests, die auf eine reiche Tradition zurückblicken kann. Beispielhaft dafür steht die Alte Brennerei am Grandweg 32a. Zunächst in jüdischem Besitz, der während des Dritten Reiches faktisch enteignet wurde, fand das Haus später Verwendung als Atelier des venezianischen Kunst-Migranten Paolo Martinuzzi. Die damit eingeleitete Umdeutung eines historisch belasteten Nutzbaus zu einem (privaten) kulturellen Ort, soll nun ausgeweitet werden: pusch ab! öffnet den Grandweg 32a, indem sie ihn zum Ausstellungsort und – in den Begleitveranstaltungen – zum Ort interkulturellen Austausches machen. Die Ausstellung wird Arbeiten der fünf Künstlerinnen umfassen, die auf das Haus am Grandweg 32a, auf seine Geschichte und auf seine kulturelle Rolle reagieren.

Im Bereich der Kunst wird deutlich, dass die „Migration“, die in den zeitgenössischen Diskussionen von vielen Menschen zunehmend als Belastung empfunden wird, eine Bereicherung darstellt und als Phänomen der Künstlerwanderung aus der Kulturgeschichte nicht wegzudenken ist. 

 

schen.

 

 

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